Wie ich fast auf der Leipziger Buchmesse 2018 gewesen wäre

Eine Irrfahrt zum Bücherparadies

VON SARAH

Jeder kennt sicherlich das Gefühl der Vorfreude. Und umso länger sie andauert, umso nervenaufreibender wird die Warterei zwar, aber umso größer wird die Vorfreude. Ihr könnt euch also vorstellen, wie aufgeregt ich am Vorabend des 17. März war, da dieser Termin schon seit über einem halben Jahr dick in meinem Kalender markiert war. Es sollte für mich zur Leipziger Buchmesse gehen, dem Event für alle Bücherliebhaber unserer Zeit. Und ich sollte dabei nicht nur Besucherin sein, sondern als Praktikantin einen der Stände betreuen. Deshalb hatte auch die Vorfreude schon so lange angedauert, denn bereits zu meinem Bewerbungsgespräch im Sommer letzten Jahres hatte mir das Unternehmen die Chance auf einen Besuch der Messe versprochen.

Nun rückte dieser Samstag also immer näher, die Zugtickets waren gebucht, das Namensschildchen ausgedruckt, die Handynummern ausgetauscht und die Straßenbahnverbindungen herausgesucht. Freitagabend packte ich voller Vorfreude meine Tasche, schmierte mir tausend Brote, da ich nicht wusste, welche Versorgung mich erwarten würde (das rettete mir später den Tag) und suchte mir ein messetaugliches Outfit heraus. Bei einem Telefonat mit meinen Eltern sprach ich dann mit Blick auf den Wetterbericht die magischen Worte: „Hoffentlich fährt morgen der Zug.“

Der Samstagmorgen begann wie immer etwas hektisch, da Pünktlichkeit nicht meine größte Stärke ist. Aber trotzdem schaffte ich es rechtzeitig zum Regionalzug, heraus aus meinem Städtchen Richtung Landeshauptstadt Erfurt. Kleine Schneeflöckchen begleiteten mich auf meinem Weg, aber das bringt Menschen aus dem Thüringer Wald noch lange nicht aus der Fassung. Unterwegs schaute ich nach meinem ICE Richtung Leipzig (Endziel Kiel, das fand ich durchaus interessant) und konnte nur fünf Minuten Verspätung bemerken. Nun gut, das ist bei der Bahn ja eigentlich Standard. Am Erfurter Bahnhof also nichts wie los zum anderen Gleis und rein in den warmen Zug, auf zum reservierten Platz. Wir fuhren los und ich war nach wie vor aufgeregt, aber glücklich. Das sollte nicht mehr allzu lange andauern.

Eine viertel Stunde vor planmäßiger Ankunftszeit ging ich Richtung Toilette, um mich noch mal frisch zu machen. Da blieb der Zug plötzlich stehen. Zurück auf dem Gang bemerkte ich, dass er in einem Tunnel angehalten hatte. Nun gut, wer weiß auf welches Signal wir da wieder warten, dachte ich mir und ging zurück zu meinem Platz. „Wir sind stehen geblieben und wissen die Ursache noch nicht“, ertönte die Durchsage. Und etwas später: „Die Weiche vor uns ist eingefroren.“ Das entlockte mir ein leichtes Lächeln, denn es war zwar kalt draußen und schneite, aber das schreckt Menschen wie mich nicht ab, die in Orten mit den beiden Jahreszeiten Winter und strenger Winter aufgewachsen sind. Die nächste Durchsage erhöhte meine Belustigung noch: „Der Lokführer versucht jetzt mit den im Zug befindlichen Mitteln die Weiche zu enteisen.“ In meinem Kopfkino sprang ein Mann mit Fön und Hacke im Gleisbett herum. Unser Stopp dauerte immer länger und länger, aber bevor ich meinen Chef in Kenntnis setzte, wollte ich erst einmal den Erfolg der Aktion „Gleis auftauen“ abwarten. Leider stellte sich kein Erfolg ein, denn es folgte eine neue Durchsage: „Der ganze Weg zum Leipziger Hauptbahnhof ist dicht. Wir brauchen unsere Weiche also nicht freizulegen, wir kommen danach eh nicht weiter. Es geht dann gleich zurück nach Erfurt.“ Die Begeisterung im Zug war unvorstellbar, zumal einige schon in Frankfurt gestartet waren und weitaus größere Ziele als Leipzig hatten (man denke an das Endziel).

Also ab zurück nach Erfurt, da waren wir ja heute noch nicht. Inzwischen telefonierte ich mit meinem Chef, denn eigentlich hätte ich schon längst die Leipziger Messe erreichen sollen. Der blieb zum Glück ganz entspannt. Ich solle halt schauen, wie es in Erfurt weiter geht. Als wir dort ankamen, amüsierte ich mich wieder köstlich über die Ansage: „Wir erreichen noch mal Erfurt.“ Einige Mitfahrer verließen sofort ziemlich genervt den Zug, ich harrte der Dinge, die da kommen. Eigentlich wollte ich direkt zum Bahnschalter, mir das Ticket bestätigen lassen und dann ab nach Hause. Aber die neue Durchsage: „Wir versuchen jetzt über die Altbaustrecke über Naumburg nach Leipzig zu kommen.“ ließ mich doch wieder hoffen, die Welt der Bücher noch zu betreten. Nach einem mir ewig erscheinenden Aufenthalt setzte sich der Zug also wieder in Bewegung. Alles auf Anfang – Leipzig ich komme.

Aber der Tag war nicht mein Glückstag und sollte es auch einfach nicht mehr werden. Denn nachdem wir schon wieder sächsisches Territorium erreicht hatten, blieben wir, wie sollte es auch anders sein, wieder stehen. Diesmal immerhin nicht im Tunnel, aber trotzdem eher im Niemandsland, nämlich in Großkorbetha (Entschuldigung an alle Bewohner; Wikipedia lernte mir auch gerade, dass ich da in Sachsen-Anhalt gestrandet war). Unser Informationssystem Zugdurchsage brachte uns natürlich auf den neuesten Stand: „Vor uns hat sich ein Stau aus ICEs gebildet, die alle in den Leipziger Hauptbahnhof wollen. Wir müssen warten und können nicht sagen wie lange.“ Und so warteten wir. Und warteten. Und warteten. Meine anfängliche Amüsiertheit schlug langsam in ernsthafte Genervtheit um. Da konnte mir auch mein Sudoku Heft nicht drüber hinweghelfen. Die Durchsage: „Falls sich ein Arzt oder medizinisches Fachpersonal im Zug befindet, kommen Sie bitte in Wagen …“ konnte mich auch nicht mehr erheitern, sondern versetzte mich eher in leichte Panik. Anscheinend fingen die ersten an, die Lage nicht mehr wirklich auszuhalten. Denn Dank der Länge unseres Zuges passten wir nicht ganz an den Bahnsteig und die Türen durften nicht geöffnet werden. Außerdem verzichtete die Bahn darauf, mit Getränken oder gar Essen eine Runde durch den Zug zu drehen.

Das Drama sollte nun endlich seinen Höhepunkt erreichen, als ich anfing in den Online News zu lesen und die mir etwas von einer Komplettsperrung des Leipziger Hauptbahnhofes verrieten. Da wurde mir so langsam klar: Die Buchmesse erreichst du heute nicht mehr. Denn selbst in Leipzig angekommen, wäre dort keine Straßenbahn mehr gefahren. Und außerdem sollte ich noch am selben Abend wieder die Heimreise antreten. Witzig, wenn man es bis zwei Stunden vorher nicht ans Ziel schafft. Das Zugpersonal hatte nun auch endlich durchsetzen können, uns in die Freiheit zu entlassen: Wir rangierten irgendwie an diesem Mini-Bahnsteig („Sie dürfen jetzt aussteigen, aber der Bahnsteig ist vereist, also erfolgt das auf eigene Gefahr. Und leider passt der Zug nicht ganz an den Bahnsteig, deshalb müssen Fahrgäste der ersten Klasse in der zweiten Klasse aussteigen.“). Ich lachte dann doch mal wieder eine Runde über diese Ansage. Einige traten die Flucht zur Regionalbahn Richtung Leipzig an, aber dieses Abenteuer wollte ich nicht auch noch eingehen. Also flüchtete ich schnell auf dem wirklich wunderbar vereisten Bahnhof Richtung Regionalbahn nach Erfurt. Ich war nie glücklicher, die Brücke meines Heimatbahnhofs bei der Einfahrt wiederzusehen. Die ewige Warterei und Verzweiflung um mich herum am Informationsschalter der Bahn im Hauptbahnhof Erfurt möchte ich jetzt nicht weiter ausführen, wer dabei war, weiß wovon ich rede.

Und was lernen wir aus diesem ganzen Tag? Man kann auch nach fast zehn Stunden nur Hin- und Herfahren sehr müde sein. Vorfreude kann ganz schnell in Enttäuschung umschlagen. Der Bahn traue ich nun noch weniger über den Weg. Und die Berichterstattung zur Leipziger Buchmesse frustrierte mich sehr. Aber vielleicht klappt es ja im Herbst in Frankfurt, zumindest meine alten Kollegen würde das sehr freuen. Und ich hätte hier wenigstens etwas Ordentliches zu berichten…

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