Die Kraft der Literatur – ein Gewaltakt und die Zeit danach

Im Herzen der Gewalt von Édouard Louis

VON NADINE

 „Und Clara erzählte ich später, dass sein Atemgeräusch mir so attraktiv erschien, dass ich seinen Atem am liebsten zwischen die Finger genommen und mir das Gesicht damit gesalbt hätte.“ (S. 45)

Es beginnt ganz harmlos – Édouard Louis befindet sich auf dem Heimweg, nachdem er den Heiligabend bei zwei Freunden verbracht hatte. Auf dem Pariser Place de la République wird er von einem jungen Mann namens Reda angesprochen. Nach kurzem Zögern nimmt er ihn mit in seine Wohnung. Der arglos beginnende One-Night-Stand entwickelt sich in eine tragische Richtung, mündet in einer Vergewaltigung und endet schließlich in einem Mordversuch.

Von diesem Gewaltakt, auf dessen Ausgang schon die erste Seite schließen lässt, handelt das Buch Im Herzen der Gewalt. Es stellt ein persönliches Erlebnis des französischen Autors dar, somit weist das Werk autobiografische Züge auf. Seine Intention sei, wie er bei Lesungen berichtete, die Geschichte aus seiner Sicht zu erzählen. Er hatte das Gefühl, dass sie ihm genommen wurde, da alle anderen an seiner Stelle darüber berichten würden. Daher schreibe er nicht, weil es ihm Spaß bereitet, sondern weil es geschrieben werden muss. Er möchte zudem nicht, dass der Vorfall für rassistische Zwecke genutzt wird. Als er den Polizisten Redas Aussehen beschreibt, lautet ihre Antwort: „Ah sie meinen, maghrebinischer Typus“ (S. 18). Louis bemerkt in dieser Aussage den kristallisierten Rassismus der Beamten, „denn für sie implizierte maghrebinischer Typus keine geographische Information, sondern bedeutetet schlicht Schurke, Übeltäter, Krimineller“ (S. 18).

Passend zu dem Gefühl, alle anderen schildern seine Geschichte, nur er nicht, hat er seine Schwester Clara als Erzählerin eingebaut. Diese informiert ihren Ehemann, während Louis hinter der Tür steht und zuhört. Nach der Nacht besuchte er sie in seiner alten Heimat, um der Sache zu entfliehen. Schnell merkte er, dass es nicht hilft und wie negativ er seinem ehemaligen Heimatort gegenüber gestimmt ist. „[D]a begriff ich, dass ich einem Irrtum aufgessen war und noch melancholischer und deprimierter wieder nach Hause fahren würde“ (S. 10). Hier wiederfuhr ihm Gewalt, unter anderem aufgrund seiner Sexualität. Über seine Kindheit berichtete er in seinem Debütroman Das Ende von Eddy. Gewalt war ihm demnach nicht fern und, wie er betonte, nicht „rassenabhängig“.

Auffällig und beeindruckend ist, dass keineswegs eine Schuldzuweisung passiert. Vielmehr versucht er Redas Verhalten zu analysieren, der Gewalt auf die Spur zu kommen. „Er begehrt dich und verabscheut sein Begehren zugleich. Er will dich für sein Begehren büßen lassen“ (S. 129). Die Bedeutung der Thematik wird auch am französischen Originaltitel deutlich: Histoire de la violence. Wie er in einer Lesung erwähnte, wolle er aus Gewalt einen literarischen Ort machen.

Louis’ Erlebnis wird nicht chronologisch beschrieben. Dadurch entsteht eine interessante Gestaltung des Werks. Seine Schwester schweift oft ab, schwebt in Erinnerung an ihre gemeinsame Kindheit. Sie erzählt direkt, unverblümt und umgangssprachlich. Louis kommentiert ihre Erzählungen und korrigiert sie in Gedanken, wenn sie etwas falsch wiedergibt oder ergänzt Dinge, auf die sie, seiner Meinung nach, nicht genug eingegangen ist. Dennoch greift er nicht in ihre Erzählung ein und bleibt die gesamte Zeit über hinter der Tür stehen. Zeitsprünge geben vereinzelte Einblicke in die Nacht und in die Gespräche mit der Polizei, die sich durch das Buch ziehen. Einschübe von Louis, in denen er über Gedankengänge philosophiert, unterbrechen den Fortgang. Er denkt darüber nach, ob der Abend anders verlaufen wäre, wenn er ein kleines banales Detail anders gemacht hätte, ein Glas mehr bei seinen Freunden getrunken oder einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Zudem kommt er zu der Beobachtung, dass sich jeder Mensch den schrecklichsten Umständen anpasst (so wie er in der Nacht): man braucht nicht jeden Einzelnen gesondert zu verändern, was viel zu lange dauern würde, die Menschen passen sich an, sie erdulden nicht, sondern passen sich an(S. 14).

Spannend an dem Buch ist die Reflexion über sein eigenes Verhalten, die nicht zimperlich ausfällt. So fällt ihm auf, dass er, obwohl er es nicht wollte, selber zum Rassisten geworden ist und Vorurteile gegenüber arabisch aussehenden Mensch hegt. „Im Bus, in der Metro senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näherkam“ (S. 205) Um seine Vorurteile und Paranoia zu bekämpfen, fliegt er schließlich auch mit einem Freund nach Istanbul.

Erbarmungslos schreibt er über die sexuelle Gewalt, über die Vergewaltigung und den Strangulierungsversuch. Er berichtet über den Rassismus, den Rassismus der Polizeibeamten und seinen eigenen. Er schildert seine Trauer, seinen Drang, jeder fremden Person auf der Straße seine Geschichte zu erzählen und den Drang zu schweigen. Er schildert seine Angst, seine Paranoia, die ihn verfolgt. Er schildert seine Wut, seine Wut nicht nur auf Reda, sondern auf alle, auf die Ignoranz der Polizisten, auf jede glückliche Person auf der Straße. Und er schildert seinen Machtverlust. Seinen Machtverlust in der Nacht und danach. Durch das Aufschreiben schafft er es, letztendlich wieder zum Herr seiner Geschichte zu werden.

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