Der unbekannte Herr

Eine Kurzgeschichte

VON NADINE

„Guten Tag.“
„Setzen Sie sich bitte.“
„Ja ich meine Sie mit dem braunen Hut.“
„Oder meinen Sie hier laufen noch mehr damit herum? Also ich sehe niemanden, insbesondere nicht mit einem so hässlichen Exemplar.“
„Sie finden mich nicht als Vogel auf der Regenrinne sitzen. Drehen Sie sich bitte um 180 Grad. Noch ein bisschen, ja genau. Jetzt stehen Sie richtig. Den Kopf nun etwas runter. Perfekt.“
Jetzt sah er den Mann, zu dem die Stimme gehörte, in der ein amüsierter Unterton mitspielte, gegen die er gleich eine Abneigung entwickelte, wenn auch zunächst unbewusst. Die Hälfte des Gesichts war von der Sonne beschienen. Entspannt saß er zurückgelehnt in einem Stuhl mit geschwungenen Füßen, die Beine übereinandergeschlagen, die Hände locker auf dem Tisch gekreuzt.
Jeden Tag musste er an diesem Café vorbei gehen. Einmal morgens und dann nachmittags gegen kurz nach halb fünf. Seit fast drei Jahren arbeitete er in der Firma und ging Tag ein, Tag aus denselben Weg entlang, ohne, dass ihm der Laden je aufgefallen war. Es war auch kein großer Laden – nicht mehr als 20 Quadratmeter – schätzte er. Nur eine kleine Theke, an der ein Kellner seine Arme abstützte, und zwei Tische machten die Garnitur aus. Außer dem lustlosen Kellner war niemand zusehen. Die Schrift an der Fassade verblasste. Es war eine der Sorte Cafés in der er sich kein Eis bestellen würde, geschweige denn dort auf einen Kaffee verweilen. Vor dem Gebäude, direkt an der Fußgängerzone, waren zwei weitere Tische aufgestellt worden. An einem davon saß der unbekannte Herr und musterte ihn.
„Setzen Sie sich bitte. Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen.“, wies er ihn an.
Woher kennt der Herr mich? Und kenne ich ihn?, fragte er sich verwirrt und blieb reglos auf dem Fußgängerweg stehen. Da trotz des sonnigen Wetters nur wenig los war, störte es niemanden. Niemand warf ihm einen verärgerten oder überraschten Blick zu, außer vielleicht der unbekannte Herr, dessen kurzgeschorenen Haare, die breite Stirn und die eingedrückten Augen er mit keinem bekannten Gesicht verbinden konnte. Am ehesten noch mit einem entfernten Onkel, aber bei ihm ging die Schulter nicht gleich in den Kopf über. Bei dem unbekannten Herrn fehlte das Bindeglied eines Halses.
„Kenne ich Sie?“, fragte er schließlich.
„Nein.“
„Aber Sie kennen mich?“
„Ja.“
„Woher?“
„Setzen Sie sich bitte, dann werde ich es ihnen erklären. Das was ich Ihnen zu sagen habe wird Sie überraschen.“
So setzte er sich. Rückte seinen Stuhl einen Millimeter von dem Tisch weg, als würde dieser kleine Abstand irgendetwas bringen. Der unbekannte Herr verweilte in seiner Haltung, die Arme verschränkt, den Blick auf ihn gerichtet. Seine Augen hatten einen kristallblauen Ton, so schimmernd kristallblau, dass sie ihn an farbige Kontaktlinsen erinnerten. Vielleicht war dem auch so, vielleicht nutzte er sie, damit sein Gegenüber an seinem Gesicht heften blieb, aber dann hätte er vielleicht nicht eine blau, schwarz, rot gepunktete Fliege anziehen sollen, die ihn im Verlaufe des Gesprächs immer wieder abgelenkt hätte, wenn er nicht von der zukünftigen Neuigkeit so überrascht gewesen wäre.
„Möchten Sie sich nicht vorstellen?“, brach er die Stille.
„Mein Name ist nicht von Belangen. Ich arbeite für die Regierung und muss sie über eine Sache informieren. Eigentlich hatte ich vorgehabt, erst ein nettes Gespräch mit ihnen zu führen und dann mit der Neuigkeit herauszurücken. Wie man ein Tier noch einmal in die Freiheit rauslässt bevor man einen leckeren Braten aus ihm macht, aber das lasse ich heute.“
Ein seltsamer Vergleich fand er. Seine Verwirrung wandelte sich in eine Anspannung, die sein ansonsten junges Gesicht, mit fülligem blonden Haar, das aus dem Hut herausschaute und dem glattrasierten Kinn, um Jahre zu altern schien. Nachdem er die Neuigkeit gehört hatte, schimmerten seine Haare im Licht der Sonne grau, sein Gesicht fiel in sich zusammen. Fassungslos starte er den Herrn an, der ihn breit anlächelte. „Sie machen Witze, nicht wahr?“
„Nein, in dieser wichtigen Angelegenheit, würde ich niemals Witze machen.“
Er drehte sich um, konnte aber keine Kamera ausmachen, die sein entsetztes Gesicht in einer lächerlichen Nahaufnahme aufnahm. Auf dem gegenüberliegenden Fußgängerweg fuhr ein Mädchen mit wehenden Haaren auf einem roten Fahrrad entlang.
In seinem Kopf halte der Satz in einer endlosen Wiederholung nach: „Ich bin hier um Ihnen mitzuteilen, dass es sich bei ihrer Frau nicht um einen Menschen, sondern um eine künstliche Intelligenz handelt.“ Ein Witz, das kann nur ein Witz sein.

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