Sommer, Italien und die große Liebe – Call Me By Your Name

Jetzt, wo die Blätter angetrieben von dem stürmischen Wind durch die Luft tanzen, der die kalte Jahreszeit einleitet, möchte ich euch ein Buch vorstellen. Ein Buch, bei dem Sonnenstrahlen das dunkle Wolkenmeer aufbrechen und die Luft einen salzigen Geschmack bekommt. Ich möchte euch mitnehmen an einen Ort, wo Pinienduft in der Luft liegt, die Zikaden summen und sich die Mittagshitze drückend auf die Menschen niederlässt. An einen Ort mit Blick auf eine malerische Bucht, hinter deren Felsen das Meer heraus schimmert. Es ist nicht zu erkennen, wo das Meer aufhört und der Himmel anfängt: Ich nehme euch mit an die italienische Riviera.

Dort verbringt der siebzehnjährige Elio seinen Sommer mit Schwimmen, Ausgehen und dem Transkribieren klassischer Musik. Jedes Jahr aufs Neue nehmen seine Eltern junge Akademiker auf, die seinem Vater bei der Arbeit helfen und die restliche Zeit für ihr Manuskript nutzen können. Für sechs Wochen muss Elio sein Zimmer räumen und dem jeweiligen Gast zu Verfügung stellen. In dem Sommer, der für ewig in allen Einzelheiten in seinen Erinnerungen bleiben wird, ist es der 24-jährige Amerikaner Oliver.

Vielleicht begann es schon in diesem Augenblick: Das Hemd, die aufgekrempelten Ärmel, die gerundeten Fersen, die sich immer wieder aus den abgetragenen Espadrilles heben, neugierig auf den warmen Kiesweg zu unserem Haus, und mit jedem Schritt schon fragen: Wo geht´s hier zum Strand? Der diesjährige Sommergast.“ (S. 9f.)

Oliver, mit seinem daher gerufenen, schroffen Später als Verabschiedung, setzt Gedanken und Gefühle in Elio frei, die ihm neu sind. Hoffnungen setzen ein, Hoffnungen wenn sein Arm den seinen zu lange streift, die Frage, welche Badehose er wohl tragen wird – ist es die Rote? Dann sollte man ihn lieber nicht ansprechen. Oder würde es doch die Grüne sein? Elio versucht seine Gefühle zu ignorieren, sie zu überspielen und ihn zu ignorieren. Oliver, dessen einer Fuß im Wasser baumelt, während er am Pool liegt, ein Strohhut über sein Gesicht gelegt. Gespräche über Heidegger, Heraklit, den Ursprung der Namengebung der Aprikose.

„Wollte ich so sein wie er? Wollte ich er sein? Oder sind „sein“ und „haben“ völlig unzureichende Vokabeln in dem verschlungenen Strang des Begehrens […] Ist es dein Körper, den ich will, wenn ich mir vorstelle, Nacht für Nacht neben dir zu liegen, oder möchte ich ihn hineinschlüpfen und ihn besitzen, als wäre es mein eigener […] ?“ (S.82).

Irgendwann wird die Sehnsucht zu groß. Oliver und Elio finden zusammen in einem sechs Wochen andauernden Sommer. Und danach? Leider muss auch nach den Wochen im Paradies das Leben weitergehen. André Aciman schreibt die Liebe der beiden auf eine metaphorische und gleichzeitig unverblümte Sprache, wenn Elio im selben Atemzug über seine Liebe zu Oliver philosophiert und sagt, was er alles mit ihm machen möchte. Aciman schafft die richtige Mischung Kitsch. So viel Kitsch, dass hinter dem Buch Seufzer laut werden. Aber nicht zu viel Kitsch, dass die Augen verdreht werden über das Beschriebene.

Die Augen schwimmen über die Seiten, über die langen, teilweise verworrenen Sätze, deren Sinn sich wie ein Gedanke verirrt und dann wieder aufgefangen wird. Jede Beschreibung wird aufgesaugt, nimmt einen mit ans Meer, an einen Ort mit schmalen Gassen und dem Lachen lebensfroher Menschen.

Wer nicht vor dem Lesen verliebt ist, wird es nach dem Lesen sein. Es ist nicht möglich sich der, in jedem Wort heraustropfenden, Sehnsucht zu entziehen. Der Wunsch nach einem Sommer entsteht, der Wunsch einer anderen Person so nah zu sein, wie Oliver und Elio es sind. Liebe und Schmerz liegen eng beieinander. Das müssen beide erfahren. Nur macht das Zweite nicht Ersteres wieder weg? Egal was nach der Zeit kommt, ihnen bleiben für immer diese sechs Wochen, in denen sie einander gesucht haben, vor ihren eigenen Gefühlen zurückgewichen sind und sich schließlich gefunden haben: Zwei passende Puzzleteile, die auch wenn man sie trennt, sie entfernt, für immer zusammenpassen werden.

„Ruf mich bei deinen Namen, dann ruf ich dich bei meinem“, was ich noch nie im Leben getan hatte und was mich, sobald ich meinen Namen so aussprach, als wäre es der seine, in ein Reich versetzt, das ich nie zuvor und nie danach mit irgendeinem anderen Menschen geteilt habe.“

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Ein Gedanke zu “Sommer, Italien und die große Liebe – Call Me By Your Name

  1. Liebe Nadine,
    danke für den schönen Beitrag! Eine Freundin von mir lässt auch kaum eine Gelegenheit aus, mir zu sagen wie gut dieses Buch doch ist…und ich habe es immer noch nicht gelesen. Schande über mich! Auf der Liste steht es auf jeden Fall aber schon mal – bin gespannt, ob es mir dann ebenso gut gefallen wird.
    Liebe Grüße,
    Emily

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