Wieso ich den Film „Lady Bird“ liebe und mich dort wiedergefunden habe

Bäume und Wiesen wohin man sieht, die Zivilisation ist einen Fußmarsch von einer Stunde entfernt: Ein Dorf mitten im Nirgendwo. Einfach immer den Berg hoch, lautete meine Beschreibung, wenn Freunde mich besuchen wollten. Mehr als einmal hörte ich sie überrascht sagen: „Auf dem Weg waren ja kaum Häuser, nur Wald.“ Besonders groß war das Erstaunen, bei Bekannten aus großen Städten, die dem Dorf mit der schlechten Internetverbindung Hallo sagen wollten. Zumindest gab es Empfang, dass konnten andere Orte in unserer Nähe nicht behaupten. Auf der rechten Seite wohnten meine Großeltern, auf der linken Seite Onkel, Tante und Cousinen: So bin ich umgeben von meiner Familie und einer Menge Grün aufgewachsen.

Mit seinen fast 500.000 Einwohnern ist Sacramento in Kalifornien deutlich größer als mein Dorf mit seinen schätzungsweisen 80 Menschen. Doch auch der Ort ist für die 18-jährige Christine, die von allen „Lady Bird“ genannt werden möchte, zu eng. Sie möchte raus aus der christlich geprägten Gegend, weg aus Kalifornien und an die Ostküste – am besten nach New York. Der Vater ist arbeitslos geworden, die Familie in einer schwierigen finanziellen Situation und mit der Mutter gibt es nur Diskussionen sowie Streitereien. Sie möchte nicht, dass sie weit weg zieht zum Studieren. Außerdem soll Lady Bird sich angepasster verhalten. Verschiedene Auffassungen verursachen zwischen ihnen Konflikte.

Das ist die Ausgangssituation des Films Lady Bird und etwas in den man sich als ZuschauerIn gut hineinversetzen kann. Mutter und Tochter Beziehungen sind im Teenageralter nicht einfach. Besonders wenn die Themen Emanzipation, rebellieren, sich vom Elternhaus abgrenzen und neue Wege gehen, hinzukommen. Wirklich rebellisch war ich zwar persönlich nicht (auch wenn ich es manchmal gerne gewesen wäre). Dafür kenne ich das Bedürfnis den Heimatort verlassen zu müssen. Ein Thema, das in Verbindung mit der Studienwahl nicht selten für wenig Anklang gesorgt hat. Wie Lady Bird habe ich mich nach einem anderen Ort gesehnt, einen Ort, wo nicht jeder einen kennt. Ich wollte nicht in eine Schublade gedrückt werden und ständig Vorschläge bekommen – einfach weg war mein Ziel.

Lady Bird ist ein amerikanischer Coming of Age Film und kommt ohne die übertrete Ladung eines High-Schools Streifen aus, wo die Charaktere oft überzeichnet- und die Geschichte realitätsfern ist. Stattdessen wird eine Geschichte aus dem Leben erzählt, aus dem Leben eines 18-jährigen Mädchen und alles was damit verbunden ist. Der erste Freund, die erste Freundin, die Suche nach dem Platz im Leben und das Lernen, was wahre Freundschaft bedeutet.
Mit ihrer besten Freundin Julie teilt sie alles. Sie machen zusammen bei einem Musical mit, verspeisen zusammen, die nicht für sie gedachten, Hostien und können über alles reden. Sie sind für einander da, bis Lady Bird findet, dass sie nicht „cool“ genug ist. Sie sucht Kontakt zu der beliebten und aus reichen Verhältnissen kommenden Jenna sowie zu Kyle, dem Gitarristen einer Band. Und weil es so „cool“ ist, wird sich auf einem Parkplatz getroffen. Mit der Zeit muss sie lernen, dass sie sich in den beiden getäuscht hat, denn was ist „cool“ an hinterhältigen Menschen? So findet sie wieder zu ihrer besten Freundin zurück. Sie hat sich ihr gegenüber schlecht Verhalten, dennoch ist es in einer gewissen Weise nachvollziehbar, ohne dass man es gut heißt. Das Gefühl dazugehören zu wollen, ist eine Sache, die mir aus meiner Teenagerzeit bekannt vorkommt. Auch ich habe mir häufiger gewünscht zu „Den Coolen“ dazuzugehören, bis ich irgendwann gelernt habe, dass ich so gar nicht sein möchte und dass Beliebtheit oft nur eine Ansichtssache ist.

Wie zu ihrer Freundin, muss sie auch zu ihrer Mutter zurückfinden. Beide sind zu stark auf ihrem Standpunkt fokussiert, zu engstirnig und gleichzeitig zu stolz, um sich zu sagen, wie sehr sie einander lieben. In der Ferne besinnt sie sich auf ihre Wurzeln zurück. Der Ort, in dem man aufgewachsen ist, bleibt immer bei einem, egal wie weit man sich von ihm entfernt. Man kann nicht ablegen, wie und wo man aufgewachsen ist, genauso wenig wie seine Persönlichkeit. Ebenfalls eine Sache, die ich bei meinem Umzug lernen musste. Ganz weit weg wurde es bei mir nicht, dennoch waren die zwei Stunden Entfernung vom Zuhause in die Stadt Wuppertal eine große Sache. Ein Umzug bedeutet ein kompletter Neuanfang, oder? Mehr oder weniger, denn unbedingt zu sich selbst findet man nicht. Christine, Lady Bird, antwortet in einer Szene auf die Frage, wo sie herkommt, San Francisco, weil ihr Gegenüber Sacramento nicht kennt. Bei mir ist oft Köln die Antwort, obwohl ich nicht dort aufgewachsen bin, meinen Ort aber (kaum) niemand kennt.

Lady Bird ist ein ruhiger Film, der Probleme anspricht, die einen aus der eigenen Teenagerzeit bekannt vorkommen können. Dies macht er auf eine undramatische Art und Weise. Einigen könnte die Erzählweise zu langsam sein, einige könnten einen eindeutigen Höhepunkt missen oder das Ende für zu abrupt finden. Dies kann ich nachvollziehen. Für mich ist diese Erzählweise ein Pluspunkt des Films, ich mag die sachte, nicht überdrehte Weise. Getragt wird der Film von großartigen Schauspielern, die bis in die Nebendarstellern gut besitzt sind. Saoirse Ronan und Laurie Metcalf verkörpern den Mutter-Tochter Konflikt glaubhaft. Beiden merkt man ihren Zwiespalt an und es sorgt dafür, dass die Beziehung nicht einseitig beschrieben wird und man beide Standpunkte nachvollziehen kann. Sie legen viel Authentizität in ihr Spiel. Besonders Saoirse Ronan hat nach Brooklyn wieder gezeigt was sie kann. Weiterhin ist Lucas Hedges dabei, der für seine Leistung in Manchester By The Sea eine Oscarnorminierung erhalten hat sowie Timothée Chalamet aus Call Me By Your Name. Dort habe ich ihn geliebt, in Lady Bird mit seiner arroganten Art eher weniger.
Ist Lady Bird ein zickiges, teilweise irrational handelndes junges Mädchen? Ja, aber ernsthaft, wer kann in der Pubertät etwas anderes von sich behaupten?

 

9 Gedanken zu “Wieso ich den Film „Lady Bird“ liebe und mich dort wiedergefunden habe

  1. Das hast du unglaublich schön geschrieben und genau das festgehalten, was ich am Film auch toll fand. Ich habe mich da auch oft wiedergefunden, weil ich auch aus einem kleinen Ort komme und leider immer noch dort lebe (geht jetzt während dem Studium nicht anders), aber mittlerweile keimt in mir auch immer mehr der Wunsch auf in meiner Studienstadt zu leben. Das ist zwar nicht allzu weit weg, aber es gibt dort doch mehr Möglichkeiten als dort wie ich lebe. Einfach mal spontan ins Kino, ohne große Planung oder durch die Stadt bummeln – ist bei mir nicht möglich. Zumal meine Freunde natürlich dort leben, während ich immer das Gefühl habe hier in meinem Ort festzusitzen. Doch nervend. Ich konnte Lady Birds Wunsch deshalb gut nachvollziehen und glaube das geht allen so, die in kleineren Orten leben.

    Auch den Konflikt mit ihrer Mutter fand ich verständlich, denn wie du schon schreibst: Das gehört in der Pubertät dazu. Was meine Mum und ich uns da gestritten haben, unfassbar. Auch meist aufgrund unterschiedlicher Ansichten. Das merke ich auch jetzt mit 26 immer mehr, wo ich meine eigenen Ansichten habe und die natürlich nicht immer mit denen meiner Eltern übereinstimmen, da können Diskussionen schon mal hitziger werden. Aber das ist der Lauf des Lebens.

    Wie du schon geschrieben hast: In der Jugend möchte glaube ich jeder beliebt sein. Aber dass es darauf nicht ankommt, lernt man erst später. Am Ende zählen die wahren Freunde, die die bleiben, auch in schweren Zeiten. Nicht diejenigen, die immer nur die schönen Seiten des Lebens mitgenommen haben und all die Vorteile die man ihnen so bringt.

    Ah Dankeschön für das liebe Kompliment Nadine <3. Freut mich sehr.

    Wünsche dir bei beiden Filmen ganz viel Spaß und bin schon sehr gespannt deine Meinung zu hören. Phantastische Tierwesen 2 werde ich mir auch anschauen, aber wenn der Hype abgeklungen ist. Ich mag es nicht, wenn der Kino Saal komplett voll ist, da ist immer so viel Unruhe drinnen, deshalb warten wir da immer etwas. Ich hatte auf Twitter gelesen ,dass du ihn schon gesehen hast. Wie fandest du ihn denn?

    In La La Land war Ryan Gosling auch klasse, wobei ich am Ende aber finde, dass Emma Stone den Oscar definitiv mehr verdient hatte :). Dafür wird Gosling ja für Aufbruch zum Mond als Oscar-Kandidat gehandelt, bin mal gespannt wie du dann seine Leistung einordnest.

    Ich gehe wsl die nächsten Tage schon in "Nur ein kleiner Gefallen" und bin gespannt. Der Film erinnert mich etwas an Gone Girl, auch wenn die Handlung dann doch ne andere Wendung einschlägt, aber das mochte ich sofort. Ich habe ja ne Schwäche für solche Filme.

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    • Danke für deine lieben Worte, freut mich sehr! 🙂

      Ohne ein Auto ist man auf dem Land auch echt aufgeschmissen, hatte mich so gefreut, als ich mit 18 ein Auto bekommen habe und endlich ungebundener war.

      Ich glaube, egal wie alt man wird, kleine Unstimmigkeiten mit den Eltern bleiben bestehen. Merke das auch bei meinen Eltern und meinen Großeltern. Aber man liebt sich ja trotz der unterschiedlichen Ansichten.
      Mir hat der Umzug für die Beziehung zu meinen Eltern sehr gut getan, ich brauchte den Abstand. Und jetzt fallen auch Diskussionen über unnötige Kleinigkeiten weg.
      Das mit der Freundschaft hast du gut aus dem Punkt gebracht, sehe das auch so.
      Liebe Grüße, Nadine

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    • Zu phantastische Tierwesen 2: ich fand ihn okay. Nicht überragend, ist aber auch keine Enttäuschung. Jonny depp fand ich nur semi gut, dafür war der Schauspieler des jungen Dumbledores perfekt besetzt! Und ich mag Newt total gerne 🙂

      Ausführlicher zu dem Film gehe ich am Sonntag drauf ein 🙂
      Ich mag auch auch überhaupt keine Unruhe im Kino. Zum Glück konnten sich die Menschen am Mittwoch benehmen 🙂

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  2. Dankeschön für das Kompliment Nadine,
    Elferrat, da warst du dann aber auch stark involviert, kann ich somit verstehen, dass du Kanerval immer noch toll findest. Ja das ist ja leider bei jedem Fest so, das manche es übertreiben.

    Das mit dem Fotobuch ist ja auch eine tolle Idee. Hatte sowas meinem Besten Freund auch mal geschenkt, denn das ist halt was das bleibt und was man immer wieder gerne anschaut. Gemeinsame Kinobesuche finde ich auch immer toll, genauso wie essen gehen.

    Red Queen habe ich ja noch ungelesen im Regal stehen, mal schauen ob mir das zusage. Habe in dem Genre ja noch gar nicht so viel gelesen, sodass mich das wsl noch nicht stört.

    Für mich fällt da ja alles drunter was du geschrieben hast, was ich nun aber nicht negativ finde. Da sieht man aber wieder ganz gut, wie Begriffe für jeden was anderes bedeuten bzw. anders aufgefasst werden.

    War ich bisher leider noch nicht, aber das möchte ich mir irgendwann noch anschauen, auch wenn es touristisch überlaufen ist. Finde aber dass das halt noch mal konkret vor Augen führt, wie beengt die Gruppe zusammengelebt hat, das kann man sich halt doch nur schwer vorstellen, wenn man ein Buch liest. So wird Geschichte dann doch etwas greifbarer.

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    • Ich habe eine Phase lang echt viel aus dem Genre verschlungen, kann sein das, dass ich da etwas vor eingenommen war. Viel Spaß beim Lesen, vielleicht denkst du ja komplett anders über das Buch 🙂

      Ein Besuch lohnt sich auf jedenfall und finde jeder sollte mal da gewesen sein. Das was damals passiert ist, darf nicht in Vergessenheit geraten

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      • Sobald ich das Buch mal gelesen habe, habe das nämlich auch demnächst vor 😀 (wobei was ich gerne alles demnächst lesen möchte, das ist auch noch mal ein ganz eigenes Thema), teile ich dir mit wie mir es gefallen hat. Würde das ja schon noch gerne lesen, bevor der Film erscheint.

        Ich finde auch, dass man sich das mal anschauen muss, egal ob das nun touristisch überlaufen ist oder nicht. Da geht es halt auch einfach um ein wichtiges Thema und da finde ich es sogar gut ,dass sich so viele das in echt anschauen, um sich da ein Bild zu machen. So ein Besuch vergisst man nicht so schnell und das hallt lange nach, wsl noch mehr als das Buch.

        Dankeschön für dein liebes Kommentar Nadine,
        an welchem Buch liest du denn aktuell bzw. welches wolltest du lesen? Bei mir ist es so, dass mein Studium generell recht leselastig ist. Das gehört bei Politikwissenschaften & Soziologie einfach dazu, was vielen glaube ich gar nicht bewusst ist, weshalb ich das immer in meinen Beiträgen zum Studium betone. Bei uns haben Texte für ein Seminar schon mal gerne 50 Seiten, dann gibt es aber auch mal wieder Wochen da sind es mal weniger. Kommt halt auf das Thema an. Denke aber wie du: Mich in ein Seminar zu setzten, ohne zu wissen um was es eigentlich geht, finde ich kontraproduktiv. Ich bereite mich deshalb immer vor und lese die Texte, zumal einige auch immer recht interessant sind. Sowas würde man privat ja nicht unbedingt lesen.

        Ich bin gespannt was du sagst, denn ich glaube die Serie ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Mir gefällts, aber ich liebe das Genre auch.

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      • Ich lese zurzeit Die Krone der Sterne, da ich zurzeit aber so wenig Zeit zum lesen habe, komme ich nicht so gut in die Geschichte rein.
        50 Seiten sind es bei mir zwar nicht, aber es sammelt sich dennoch. In einem Seminar sind die Texte auch immer so kompliziert, da sitze ich dann auch länger dran.
        Ich muss erst mal die dritte Staffel von The Last Kingdom schauen und danach wartet noch Alterned Carboned auf mich. Danach vielleicht 😀

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