Warum Bücher mehrmals lesen?

Buch kaufen. Lesen. Ins Regal stellen. Neues Buch kaufen. Schließlich wartet eine Fülle von Klassikern und Neuerscheinungen auf einen. Wo bleibt da noch die Zeit für einen Reread? Die Geschichte ist ja bekannt, hat es überhaupt einen Mehrwert, Werke mehrmals zu lesen?

Geschichten sind mit Emotionen verknüpft. Sie sind Speicher von Erinnerungen. Es kann gut tun, in eine bekannte Welt zurückzukehren und mit alten Freunden Abenteuer zu erleben. Insbesondere, wenn der Kopf nicht frei für Neues ist. Ähnlich verhält es sich mit Lieblingsfilmen, die man immer wieder schaut, bei guter Laune, bei Krankheit oder einfach aus Langeweile.

Mit mehr Lebenserfahrung ändert sich die Wahrnehmung auf Dinge, der Blickwinkel auf Bücher verschiebt sich. Eine weitere Rezeptionsebene kann sich beim Lesen von alten Kinderbüchern öffnen. Während beispielsweise Das Fliegende Klassenzimmer als Kind eine Geschichte über Freundschaft, über das Aufbeugen gegenüber falscher Autorität ist, kristallisiert sich jetzt deutlich eine Kritik an dem NS-Regime heraus. In anderen Werken hingegen werden problematische Inhalte und toxische Beziehungen bemerkbar, die einem damals nicht aufgefallen sind. Teilweise wundert man sich vielleicht, warum man das jeweilige Buch früher gemocht hat.

Da die Geschichte schon bekannt ist, stechen einem plötzlich sämtliche Andeutungen hervor, die einem vorher entgangen sind. Bei manchen Werken, zu denen man lange nicht mehr gegriffen hat, kann es sich anfühlen, als würde man sie zum ersten Mal lesen, da das Gehirn über die Jahre viel vergisst oder es ist ein ständiges Erinnern mit Ausrufen wie „ach ja stimmt, so war das ja!“

Goldene KompassDiese Ausrufe kamen mir bei meinem ReRead zu Der Goldene Kompass mehr als einmal über die Lippen. Einige Szenen hatte ich noch deutlich vor Augen, andere Dinge waren hingegen ausradiert, weshalb ich mich das Gefühl eines Déjà- Vu begleitete.

Erinnerungen kamen mir schon beim Ablegen des Schutzumschlags entgegen. Denn in der linken Ecke stand in säuberlichen Druckbuchstaben mein Name und meine vollständige Adresse. Selbst meine damalige Telefonnummer fehlte nicht. Schließlich könnte das Buch mir ja verloren gehen. Eventuell wollte ich auch einfach nur mein Eigentum kennzeichnen. Ein paar Seiten weiter musste ich über mein Vergangenheits-Ich schmunzeln. Denn ich weiß noch, wie ich damals, wunderbar deutsch ausgesprochen, meinen Vater gefragt habe, was denn ein „Butler“ wäre.

„‚Das Buch wird anfangen, deine Erinnerungen zu sammeln. Du wirst es später nur aufschlagen müssen und schon wirst du wieder dort sein, wo du zuerst drin gelesen hast. Schon mit den ersten Wörtern wird alles zurückkommen: die Bilder, die Gerüche, das Eis, das du beim Lesen gegessen hast… Glaub mir, Bücher sind wie Fliegenpapier. An nichts haften Erinnerungen so gut wie an bedruckten Seiten“

Dieses Zitat stammt aus Tintenherz und es bringt meiner Meinung nach wunderbar auf den Punkt, was passiert, wenn man ein Buch ein weiteres Mal liest.

Beim ersten Harry Potter Band befinde ich mich zurück mit meinem gebrochenen Arm auf dem sonnigen Balkon. Meine Tante überreicht mir das Buch und ich beschmiere ihr Exemplar mit meinen orangenen Händen. Bei anderen Büchern rieselt der Sand aus den Seiten hervor und ich bin zurück im Urlaub und kann die salzige Meerluft schmecken.

„Es ist Staub“m wiederholte Lord Asriel. „Er wird auf der Platte als Licht abgebildet, weil die Staubpartikel auf die Spezialemulsion dieselbe Wirkung haben wie Photonen auf eine Silbernitratemulsion.“ (S. 15f.)

Partikel? Nitrat? Emulsion? Photone? Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Zehn- oder Elfjähriges Ich diesen Satz verstanden hat. Selbst mit 22 Jahren habe ich mit der Bedeutung des Satzes zu kämpfen, nur kenne ich zumindest die Bedeutung der einzelnen Wörter. Für Kinder ist Der goldene Kompass an einigen Stellen ein anspruchsvolles Werk. Es ist voller Kirchenkritik, die ich damals (zumindest im ersten Band) nicht wahrgenommen habe.

Ein ReRead lohnt sich aus diesen Gründen für mich, weshalb ich gerne hin und wieder einen mache und meinen Stapel ungelesener Bücher links liegen lasse. Ich tauche gerne in bekannte Welten ab und finde Unbekanntes im Bekannten.

Zum Schluss würde es mich interessieren, ob ihr beim einmaligen Lesen bleibt oder nicht? Und warum? Welch Beobachtungen sind euch aufgefallen?
Lasst mir gerne einen Kommentar da, darüber freue ich mich immer sehr 🙂

 

9 Gedanken zu “Warum Bücher mehrmals lesen?

  1. Also ich rereade furchtbar gerne meine Bücher teilweise habe ich Bände im Regal stehen die ich schon 3 bis 4 mal gelesen habe. Es ist wie du sagst, ich möchte einfach alte Freunde wieder treffen. Meistens mache ich das bei Buchreihen wenn eine längere Unterbrechung stattfand zu einem neuen Teil, manchmal weiß ich aber auch das Buch passt zu meiner Stimmung. Mir gefällt es eben auch sehr gut dass man die Geschichte dann in einem neuen Licht sieht man erkennt neue Details oder Zusammenhänge die man davor oft gar nicht wahrgenommen hat, weil man einfach so auf die Hauptstory fokussiert war. Ein toller Beitrag. Liebe Grüße

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  2. Mehr als einmal habe ich nur Harry Potter gelesen, weil das einfach meine Herzensreihe ist und die einen besonderen Platz hat. Da ist es auch so, dass es mir dann genauso gut wie du schreibst: Ich freue mich nach Hause zu kommen, erinnere mich an bestimmte Dinge, die ich damit verbinde und Emotionen die ich gefühlt habe. Abseits dessen lese ich Bücher aber nur einmal, weil ich eh schon so hinterhänge und es immer wieder so viele tolle, neue Werke gibt, und meine Wunschliste gefühlt einer niemals endenden Liste gleicht.

    Dafür gibt es bei mir Serientechnisch und was Filme anbelangt aber ständige Rewatchs. Da sind es gerade meine Lieblingsserien die ich unzählige Male schaue, vor allem dann wenn es mir schlecht geht. Sie mutern mich einfach immer auf und zaubern mir ein Lächelns ins Gesicht. Natürlich kann ich bei einem Rewatch aber auch vieles wahrnehmen was im Hintergrund geschieht, auch in Bezug auf die Mimik von Schauspielern, die mir vorher dann gar nicht aufgefallen ist. Das sind schöne Details, die eine Serie gleich noch besser machen und eine Szene noch emotionaler.

    Dankeschön für dein liebes Kommentar Nadine,
    ich bin auch gespannt, ob ich denn bei Mindhunter wieder reinfinde, da mir die für die erste Staffel dann doch die Zeit fehlt. Habe ja eh noch einiges nachzuholen. Wünsch mir Glück :D. Wobei die Serie glaube ich eher loose an das Buch angelegt ist, bin mir da aber nicht sicher, hatte die nicht gesehen.

    Bei Beautiful Boy steht Amazon als Produktionsstudio dahinter, deshalb ging das da etwas flotter. Die Filme gibt es in der Regel schon knapp sechs Monate nach Kinostart dann dort zu sehen :). Bin auf den aber auch gespannt.

    Ist das bei „Der Goldene Kompass“ schon fest? Weil ich habe gehört, dass es da wohl einen Bieter-Wettstreit gab und Netflix da wohl auch zu den Favoriten gehört. Federführend ist da nämlich die BBC. Ich wäre da nach dem Trailer nämlich auch echt gespannt drauf.

    Ansonsten ist deine Liste ja noch genauso lange wie meine :D. Auch wenn da ein paar andere Titel drauf stehen: The Blacklist, The Boys, Mindhunter, The Society, Cloak & Dagger, Designated Survior, Knightfall

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  3. Liebste Nadine,

    ein riesen Kompliment für diesen schönen Beitrag!
    Ein re-Read lohnt sich immer. Mir erging es in den letzten Monaten mit der Panem-Trilogie so. 10 Jahre Tribute von Panem haben mich dazu bewogen, die Bücher wieder in die Hand zu nehmen. Die Filme kennt man inzwischen besser als die Bücher, irgendwie schade und das empfand ich dann auch beim Lesen. Es ist so viel verloren gegangen! Wie viele Szenen habe ich doch vergessen…

    Ich hoffe, ich komme noch öfter dazu Re-Reads durchzuführen, auch wenn mir der Gedanke dazu selten kommt.
    Nur warum? Wie du schon sagst, die tollen Neuerscheinungen, das Durchsuchten, der SUB, der einen anschaut… So viele Ausreden, um Bücher nicht zu rereaden. Traurig, aber wahr.

    Liebe Grüße
    Tina

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