„Zerrissene Erde“: Anders & innovativ| Rezension

Die Welt steht vor dem Abgrund. Die Menschen haben die Ressourcen gierig ausgeschöpft und erhalten jetzt ihre Abrechnung: Erdbeben und Vulkanausbrüche toben über das Land her. In mitten dessen sucht Essun ihre Tochter, nachdem ihr Mann ihren Sohn umgebracht hat – als er von ihrer gefürchteten Fähigkeit erfuhr…  Das ist der Ausgangspunkt des dystopischen Endzeit Fantasy/ Sci-Fiction Romans Zerrissene Erde der amerikanischen Autorin N.K. Jemisin, die für ihr Werk 2016 mit dem Hugo Award ausgezeichnet wurde. Und das nicht ohne Grund.

Schon der Anfangssatz schaffte mich zu packen und zum Weiterlesen zu motivieren:

„Beginnen wir mit dem Ende der Welt, ja? Bringen wir es hinter uns und wenden wir uns dann interessanteren Dingen zu. Zunächst: das persönliche Ende.“ (S.9).

Mehrere Aspekte stecken in den wenigen Worten drin, mit dem die Autorin sofort meine Aufmerksamkeit magisch anzog. Erst einmal: Das Ende der Welt. Damit hat man mich thematisch direkt. Gleichzeitig erzeugt die Frage am Anfang Neugierde. Dann ist da die Formulierung „wenden wir uns dann interessanteren Dingen zu“ über die ich gestolpert bin. Was ist bitte interessanter, als das Ende der Welt? Zu guter Letzt hat mich das Pronomen „wir“ stutzig gemacht.

Die ungewohnte Du-Formulierung

Weiter heißt es auf der ersten Seite:„Aber dir fehlt der Kontext“. Dir? Also mir? Eine direkte Leseransprache ist mir in Büchern fremd. Insbesondere das dadurch erzeugte Gefühl, als Protagonistin angesprochen zu werden: „Und dich würde es nicht geben“ (S. 17). Wie mich? Es ist doch Essun gemeint, warum dann nicht, „sie würde es nicht geben?“ Ich war verwirrt und fasziniert zugleich, war genervt von dem anstrengenden Schreibstil und gleichzeitig war er elegant, neu, anders. Ich brauchte Zeit, um in  Zerrissene Erde hinein zukommen und konnte es dennoch, da es mir neu war und es mich deswegen neugierig gemacht hat, nicht aus der Hand legen.

Eleganter und ungewöhnlicher Schreibstil

Wie schon oben erwähnt, wurden die Kapitel über Essun in der „Du-Form“ geschrieben, falls jemand von euch den richtigen Namen dieser Erzählperspektive kennt, teilt ihn mir bitte in den Kommentaren mit. Ich habe das halbe  Internet durchforstet und meine Unterlagen aus meinem Germanistik Einführungskurs herausgeholt, aber nichts dazu gefunden. Doch abgesehen davon, hat Jemisin einen wunderschönen Schreibstil, mit vielen Variationen.

„Er [ihr Mann] ist der Vordergrund des Gemäldes, das euer gemeinsames Leben darstellt. Du bist der Hintergrund. Es gefällt dir so“ (S.25).

Wie gekonnt hat die Autorin mit diesen zwei Sätzen die Beziehung der beiden auf den Punkt gebracht? Die bildhaften, an Metaphern reichen Sätze, werden mit kurzen Sätzen abgewechselt.

„Er hält es fest. Er ist nicht allein. Die Erde ist in ihm.
Und dann zerbricht er es.“

Teilweise spielt in den kurzen, trockenen Sätze, eine gewisse Komik mit sich oder es taucht plötzlich ein „haha“ am Ende des Satzes auf:

Zurück zum Persönlichen. Die Dinge müssen geerdet bleiben, haha“ (S.17)

Jemisin deutet immer wieder Dinge an, die noch Geschehen werden oder macht düstere Voraussagungen, die bei vereinzelten bleiben, nicht die Überhand nehmen und daher schaffen, Spannung durch kleine Bemerkungen zu erzeugen.

 

Zerrissene Erde: interessante Weltkonstruktion in Puzzle Stückchen

Nur langsam werden Informationen über die Welt gestreut, über das Land mit dem Namen „Die Stille“, die sich bewegt. Steinesser, Orogene, Geomesten – diese Namen tauchen auf, ohne erklärt zu werden. Ich lese weiter, halte inne, lese mir erneut die Sätze durch. Nein, ich habe nichts übersehen. Keine Erklärung weit und breit. Ich blättere ein paar Seiten weiter, dann gehe ich an den Anfang, dann zu den letzten Seiten und da finde ich es: Einen Anhang mit der Erklärung zu den Begriffen. Ernsthaft?, dachte ich genervt, ich muss die Wörter nachschlagen, als würde ich einen Fachtext zu Quantenphysik lesen? Abbrechen wollte ich auch nicht, denn ich war interessiert, mehr über das interessante Setting zu erfahren.

Mit Umweltkatastrophen wie Vulkanausbrüchen und Erdbeben versucht „Vater Erde“, die Menschen auszulöschen und sie für ihr Verhalten ihm gegenüber zu rächen. Damit ist es in einer Zeit, wo ein Hitzerekord nach dem anderen gebrochen wird und in Brasilien der Regenwald einem Kriegsschauplatz gleicht, aktueller denn je. In der Fantasy Komponente spielen Ortogenen mit ein: Menschen, die Kraft aus allem Lebendigen ziehen- und allein die Beben verhindern können. Sie werden als eine Gefahr angesehen und in Ausbildungslagern gepackt, wo nicht zimperlich mit ihnen umgegangen wird.

Menschen, die bei einem Info-Input anfangen aufzustöhnen und es lieben, wenn sie erst langsam etwas über die Welt erfahren, werden Zerrissene Erde lieben. Jemisin verstreut einzelne Puzzelstücke, die man zu einem Gesamtbild zusammenfügen muss. Ich hingegen mag es recht gerne, wenn ich zügig weiß, wie die Welt aussieht und ich mir ein Bild machen kann. Es hilft mir dabei, schneller in die Geschichte hineinzukommen. Auch am Ende des ersten Bandes könnte ich keine genaue Informationen geben, vielleicht ändert sich dies mit den nachfolgenden Büchern.

Protagonisten & Erzählstruktur

Von drei Protagonisten wird abwechselnd die Geschichte erzählt. Zu Beginn ist es nicht deutlich, wie die Schicksale miteinander verknüpft sind und welche Richtung die Handlung eingeschlagen wird. Über sie verteilt, erhält man weitere Puzzlestücke über die Welt, über ihre Strukturen, ihre Geschichte und die Otogenesen und schafft es sich langsam aber stetig sie (fast) zu einem großen Bild zu verknüpfen. Bei der erzähl-perspektivischen Raffinesse dabei ist mir mein Germanistik Herz aufgegangen

Die Kapitel von Damaya und Syenit sind nicht in der Du-Form geschrieben, weswegen ich sie aufgrund von meinen Gewohnheiten leichter zu lesen empfand.

Bücher, in denen verschiedene Perspektiven verwendet werden, haben die Gefahr, dass die Tonalität sich nicht unterscheidet und es sich wie eine Person liest. So erging es mir im dritten Band der Divergent Reihe. Hier ist es zum Glück nicht der Fall und während Damaya eine unsichere, stille Person ist, ist Syenit das Gegenteil, selbstbewusst, sagt was sie denkt und Flucht dabei. Besonders ihre Kapitel haben mich häufiger zum Grinsen gebracht und Syenit ist mit ihrer kantigen sowie warmen Art ans Herz gewachsen.

Diversität

N.K. Jemisin schreibt divers, ohne das die Homosexualität der Figur in den Vordergrund gerückt wird. Es ist einfach ein weiterer Aspekt von vielen. Daneben gibt es auch polyamore Beziehung, zumindest so in der Art (Die Bewertung der Repräsentation kann an dieser Stelle nicht erfolgen).

Fazit

Ich kann euch die spannende Mischung aus Dystopie, Fantasy und Sci-Fiction nur ans Herz legen. Der Roman verdient so viel mehr Aufmerksamkeit und ich kann nicht verstehen, ihn noch nie in einem Buchladen entdeckt zu haben, schließlich hat die Autorin den Hugo Award dafür erhalten. Wenn ihr von den klassischen Heldenreisen gelangweilt seid,  Lust auf etwas anderes habt, dann seid ihr mit Zerrissene Erde von N.K. Jemisin genau richtig. Lasst euch auf den Schreibstil, eine spannende Welt und eine Geschichte, die am Ende mit einem Plot Twist punktet, ein.

Habt ihr das Buch schon gelesen und was sagt ihr dazu? Welche andere Werke verdienen eurer Meinung mehr Aufmerksamkeit? Was sind eure Lieblingsanfangssätze?

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Pans Labyrinth: Vom Film zum Buch

Kann es funktionieren, aus einem Film ein Buch zu machen? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich davon gehört habe, dass die deutsche Autorin Cornelia Funke die Verschriftlichung von Guillermo del Toros Meisterwerk Pans Labyrinth übernehmen wird. Da es zu meinen absoluten Lieblingsfilmen gehört, den ich für ein Essay im Zuge eines Seminars zu Fantasy und Fantastik im Studium mehrmals gesehen habe (einmal auch Sequenz für Sequenz), war ich gleichzeitig erfreut und skeptisch.

Positiv anzumerken ist direkt die Covergestaltung. Ich bin selten von einem Cover hin und weg (und außerdem stehen die geschrieben Worte im Vordergrund), doch in das von Pans Labyrinth habe ich mich direkt verliebt. Es passt mit seinem dunklen grün, der kleinen Ophelia und dem Vollmond zur Atmosphäre des Films und erweckt den Eindruck eines düsteren Märchen. Hinkommend gibt es im Verlaufe des Buches wunderschöne Zeichnungen, die ich mir am liebsten in mein Zimmer aufhängen würde.

Die Handlung ist dieselbe wie die des Film (was für eine Überraschung), indem es um die zehnjährige Ofelia geht, die mit ihrer Mutter zu dem Hauptmann Vidal, ihrem Stiefvater reist. Dieser bekämpft im Jahr 1944 ausgehend von einer alten Mühle in der Nähe eines Waldes Aufständische in den Bergen, die sich mit dem Ausgang des Bürgerkriegs nicht abfinden wollen. Er ist ein kaltblütiger, brutaler Mann ohne jegliche Gewissenbisse. Von den Schrecken um sich herum erdrückt, findet Ofelia Zuflucht in ihren Büchern. Eine Fee führt sie in ein Labyrinth, wo ein Pan, ein baumartiges Wesen mit langen Haaren und Fingern, zum Leben erwacht. Er bezeichnet sie als die zurückgekehrte Prinzessin eines unterirdischen Reiches. Um dorthin zurückzukehren, muss sie sich als würdig erweisen und drei Prüfungen absolvieren…

Pans LabyrinthIm Buch wurde die Märchen Komponente stärker ausgebaut. Es fängt zum Beispiel mit den Worten: „Es war einmal“ an. Somit wird direkt suggeriert, dass ein Märchen folgt. Dies wird durch die kleinen Geschichten, die neu hinzugekommen sind, verstärkt. Wie auch die Rahmenhandlung sind sie düster und es spielt der Tod in ihnen eine Rolle

Im Film hingegen, wie ich in meinem Beitrag zu Pans Labyrinth erläutert habe, ist dort das Fantastische nicht eindeutig zu bestimmen. Das führt dazu, dass insbesondere das Ende unterschiedlich ausgelegt werden kann. Im Buch hingegen wurde das Insekt, welches Ofelia am Anfang sieht, explizit als eine Art Fee bezeichnet, die dem Auto folgt. Ich fand es gerade faszinierend, wie mit den fantastischen Elementen gespielt wurde. Zudem entfacht Del Toro eine atmosphärische Sogkraft und das gute Nacht Lied von Mercedes hat mir eine Gänsehaut bereitet. Das ist der filmischen Inszenierung verschuldet und kann auf diese Art und Weise nicht verschriftlicht werden.

Dafür punktet das Buch mit dem bildhaften Schreibstil von Cornelia Funke, wo ich Sätze merhrmals gelesen habe, weil ich sie so schön fand. Sie lässt einen in die Gedankenwelt von Ophelia einblicken, als auch in die des Hauptmanns, der einem noch hassenswerter erscheint, denn bei ihm ist kein Funken Menschlichkeit vorhanden. Da ich den Film so oft gesehen habe, lief bei mir beim Lesen vor den Augen ab und nicht wie ansonsten eigene Bilder. Dies ist nicht als Kritikpunkt zu lesen, es ist mir nur aufgefallen. Cornelias Funkes Schreibstil passt hervorragend zu dem düsteren Märchen und was auch der Grund ist, dass ich mich trotz des Wissens was passiert, nicht gelangweilt habe.

„Ihr Vater war nur ein Jahr zuvor gestorben, und Ofelia vermisste ihn so sehr, dass ihr Herz sich zuweilen wie eine leere Schatulle anfühlte, die nichts außer den Widerhall ihres Schmerzen erhielt.“ (S. 9)

Die Geschichte, in der Schönheit mit grausamer Brutalität eng aneinender liegt, kann ich sowohl Personen, die den Film nicht gesehen haben, als auch die ihn kennen, empfehlen. Es funktioniert in beiden Medien auf seine eigene Art und Weise, das ich spannend zu sehen fand. Ebenso interessant war für mich der umgekehrte Schritt interessant, statt wie ansonsten von Buch zu Film, von Film zu Buch zu gehen.

Kennt ihr den Film und habt das Buch schon gelesen oder seid ihr umgekehrt ran gegangen?
Fallen Euch andere Beispiele ein, wo es erst den Film und dann das Buch gab?

weitere Meinung zu Pans Labyrinth:

1984 und die Vergangenheit des freien Gedankens [Klassiker Vorstellung]

„Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? […] ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“

Dieses Zitat stammt von Franz Kafka und passt perfekt zu dem Gefühl, das George Orwells Klassiker 1984 in mir ausgelöst hat. Es hat sich wie ein Faustschlag angefühlt, der beim Fortschreiten des Buches immer stärker wurde. Ich habe schon einige Dystopien gelesen, doch keine konnte mit dem tiefgreifenden Pessimismus von 1984 mithalten. Der von Orwells erschaffene Überwachungsstaat lässt einen Schaudern, denn freie Gedanken sind untersagt. Was bleibt von dem Menschen übrig, wenn ihm seine Gedanken genommen werden? Ist der Mensch dann überhaupt noch ein Mensch? Jeder Weiterlesen

Warum mich „Den Mund voll ungesagter Dinge“ mit gemischten Gefühle zurückgelassen hat [Rezension]

Es gibt Bücher, die es schaffen einen vollständig zu begeistern. Dann gibt es Bücher, die in die Kategorie „in Ordnung“ fallen und welche, bei dem die Lesezeit einer Vergeudung der Lebenszeit gleichkommt. Wiederum andere lassen einen mit einem gemischten Gefühl zurück. „Den Mund voll ungesagter Dinge“ von der deutschen Autorin Anne Freytag habe ich auf der einen Seite geliebt und auf der anderen Seite sind mir einige Dinge negativ aufgestoßen. Warum das so ist, erzähle ich heute.

Zunächst einmal worum geht es?
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Warum The Hate U Give so wichtig ist [Buchvorstellung]

“Listen! The Hate U—the letter U—Give Little Infants Fucks Everybody. T-H-U-G L-I-F-E. Meaning what society give us as youth, it bites them in the ass when we wild out. Get it?” “Damn.” (Khalil, p. 21)

Unbewaffnet und ohne eine Gefährdung dazustellen, wird der 16-jährige Khalil von einem weißen Polizisten erschossen. Starr Carter ist die einzige Zeugin des Verbrechens – soll sie ihre Stimme erheben?

Über den Hintergrund. Die Ermordung des  22-jährige Oscar Grant im Januar 2009 Weiterlesen